Vine oder nicht Vine? Vier Gedanken zu Mobile Reporting

Von Helena Kaschel

Aus Volo-Seminaren nimmt jeder etwas anderes mit. Hier meine vier wichtigsten, völlig subjektiven Erkenntnisse aus unserem Mobile-Reporting-Workshop mit Szene-Kenner Marcus Bösch.

1) Mein Handy, das unbekannte Wesen

„Das ist ja genau Deins,“ haben sie gesagt. Zumindest mein Freund, als es um das bevorstehende Mobile-Reporting-Seminar ging. Kein Wunder. Schließlich kennt er mich als Social-Media-süchtige Dauer-Onlinerin, die ihr Handy zückt, sobald sie einen U-Bahn-Sitz ergattert hat, und ihre News-Apps öffnet, wenn morgens noch der Schlaf in den Augen klebt. Heute kann ich ihn eines Besseren belehren: Du kennst dein Smartphone nicht, solange du damit noch nicht journalistisch gearbeitet hast.

Bis auf Twitter und Instagram hatte ich keine einzige der Apps ausprobiert, die wir für das Seminar herunterladen sollten. Tumblr, Vine, Bambuser? Fehlanzeige. Obwohl ich für meine Uni Wissenschaftsvideos produziert hatte, war ich noch nie auf die Idee gekommen, ernsthaft mit dem Handy zu drehen. Obwohl ich leidenschaftlich gerne mobil fotografiere, hatte ich vor dem Workshop noch kein einziges Bild mit Snapseed bearbeitet. Und dass man – mit der richtigen Software – per Handy brauchbare Audiobeiträge aufnehmen und sogar mobil schneiden kann, war mir auch nicht klar. Kurz: Mobile Reporting war für mich wider Erwarten #Neuland.

„Euer Handy ist ein Schweizer Taschenmesser.“ Marcus Bösch

2) Unmittelbarkeit, die Spaß macht

Der größte Vorteil mobiler Berichterstattung ist die Möglichkeit, unterwegs mit einfachen Mitteln zu arbeiten und Inhalte nahezu in Echtzeit zu veröffentlichen. Ein Event wird wegen einer Bombendrohung evakuiert und ich bin zufällig vor Ort, nur leider ohne Equipment? Mobile Reporting. Ich möchte live vom Berlinale-Teppich streamen? Mobile Reporting. Ich möchte auf politisch schwierigem Terrain eine investigative Reportage drehen? Mobile Reporting. Ich möchte über soziale Netzwerke den direkten Kommunikationskanal zu Lesern offen halten? Mobile Reporting.

Aber von dieser unmittelbaren Art journalistischer Arbeit profitieren nicht nur Nutzer, die Live-Streams, Instagram-Bilder, Tweets, Audios und Vines (fast) ohne Verzögerung zum Geschehen lesen, sehen und hören können. Die Schnelligkeit macht, finde ich, auch auf Journalistenseite Spaß. Denn sie führt im besten Fall zu direkten Erfolgserlebnissen.

 

Die Erfahrung, in kürzester Zeit und ohne jegliche Vorerfahrung mit dem Handy ein halbwegs vernünftiges Video zu drehen und zu schneiden, war für mich ein Highlight des Seminars. So ein Gefühl kenne ich sonst nur vom Ende einer erfolgreichen Doppelkopfrunde, wenn man die Trümpfe von oben herunterspielen kann und einen Stich nach dem anderen holt. Großes Kino, der berühmte Flow eben. Mit dem Unterschied, dass in diesem Fall auch noch eine steile Lernkurve dazu kam. Und: Apps wie Vine, Tumblr und Instagram machen nicht nur Spaß, sondern fördern auch eine bestimmte Art von Kreativität, die in traditioneller Berichterstattung oft keinen Platz findet.

3) Richtig ist, was für mich funktioniert

Irgendwann während des Seminars habe ich diesen Tweet abgesetzt, der prompt auf der Beamer-Leinwand landete:

Ich hatte mich bei einer Fotografie-Übung gefragt, ob ich wirklich während des ganzen Volos Snapseed würde benutzen müssen. Schließlich hatte ich mich bei einem anderen mobilen Bildbearbeitungsprogramm schon wie ein Fisch im Wasser gefühlt. Zum Glück wurde schnell klar: Es ist irrelevant, mit welcher App wir unsere Fotos bearbeiten, mit welchem Aufsatz-Mikro wir unsere O-Töne aufnehmen, mit welchem Programm wir unterwegs unsere Videos schneiden – und ob wir überhaupt mit Hilfe eines Smartphones berichten. Richtig ist, was für jeden einzelnen am besten funktioniert. Am Ende zählt immer noch, ob wir guten Journalismus machen.

4) Community

Hinter jedem Medientrend steckt eine engagierte Szene, in der sich Journalisten zu Pionieren auf dem entsprechenden Gebiet entwickeln. Wie auch beim Thema Datenjournalismus (#ddj) lohnt es sich also auf Twitter die Diskussionen und Beiträge unter dem Themenhashtag #mobilereporting zu verfolgen. Der britische Journalist Paul Bradshaw etwa hat das Online Journalism Blog gegründet und twittert über alles zwischen Big Data und Snapchat.

Auch die Tweets des BBC-Medientrainers Marc Blank-Settle beschäftigen sich mit der journalistischen Nutzung verschiedener Apps wie Yallo und Periscope. Weitere Experten – auch innerhalb der Deutschen Welle – findet man in der Mobile-Reporting-Liste unseres Twitter-Accounts @DW_Volos.

Ach ja, und um die im Titel gestellte Frage (Vine oder nicht Vine?) zu beantworten: ein klares Jein.

Natürlich kann es ziemlich anstrengend sein, sich in die verschiedenen Programme einzuarbeiten. Es versteht sich auch von selbst, dass schnell produzierte Inhalte oft mit einem gewissen Qualitätsverlust einhergehen – ein Vine ist nun mal keine aufwendig recherchierte Reportage. Und: Wenn euer Akku leer ist, ist alles für die Katz.

Wann Mobile Reporting trotzdem eine gute Idee ist:

Wenn ihr Spaß daran habt.

Wenn es die Situation erfordert.

Wenn euer Handy nicht älter als zwei Jahre alt ist.

Wenn ihr für die Zukunft des Journalismus™ gerüstet sein wollt.

GIF “I’m so happy we’re out drinking”: reddit.


[avatar user=”helena.kaschel@dw.de” size=”76″ align=”left” /] Helena Kaschel schreibt am liebsten über Kultur-, Digital- und Bildungsthemen und ist mit Pflaumenkuchen erpressbar.

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