Jung, frei und trotzdem investigativ?

(Foto: pc dazero)

Investigativer Journalismus und Datenjournalismus brauchen nicht nur einen detektivischen, ausdauernden Geist, sondern auch Zeit und Geld. Wie soll sich das ein*e junge*r Journalist*in leisten? Andreas Maisch hat ein paar Tipps.

Andreas Maisch schreibt seit 2016 als freier Journalist für mehr als ein Dutzend Blätter, zum Beispiel für die Welt am Sonntag, den Tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau und Brand eins. Mit seinem investigativen Projekt über Korruption in der Bundesverwaltung und Vetternwirtschaft in der Amtszeit des ehemaligen Bundesentwicklungsministers Dirk Niebel gewann er Recherche-Stipendium der Otto Brenner Stiftung. In einer seiner letzten investigativen, datenjournalistischen Arbeiten beschäftigte sich Andreas Maisch mit den Sanktionen der EU gegen Russland. Er zeigte am Beispiel der Rennpferde von Ramsan Kadyrow, des Präsidenten der russischen Teilrepublik Tschetschenien, dass die Sanktionen von EU-Staaten nicht konsequent umgesetzt wurden – Kadyrows Vermögen wurde nicht eingefroren, seine Pferde liefen weiter Rennen und gewannen Preisgelder, auch in Deutschland. Und Andreas Maisch fand es heraus.

/// Andreas, eine investigative Recherche oder ein datenjournalistisches Projekt umzusetzen, erfordert mehr Zeit als andere Artikel. Wie schaffst du es, als freier Journalist trotzdem datenjournalistisch und investigativ zu arbeiten?

Andreas Maisch schreibt vor allem über Innenpolitik, Lobbyismus und Medien
Andreas Maisch schreibt vor allem über Innenpolitik, Lobbyismus und Medien

Es hilft bei der Recherche vor allem, wenn man schon eine plausible These hat und damit dann leicht und schnell ein passendes Thema findet, das das Potential für eine gute Geschichte hat. Und wenn man die entsprechende These hat, sich vielleicht schon auf ein Thema spezialisiert hat und durch andere Geschichten Hintergrundwissen besitzt , hat man natürlich auch Vorteile bei der Datenanalyse. Man braucht dann nicht ganz so viel Zeit, wie wenn man sich neu in ein Thema einarbeitet.

Arbeitest du denn nur mit den „reinen“ Daten?

Nein. Man sollte auch mit Experten sprechen – einerseits um auf Thesen zu kommen, aber auch, um die Ergebnisse abzuklären. Und auch für den Artikel ist es ja hilfreich, wenn man Experten zitieren kann, die das Ganze nochmal untermauern und belegen. Hilfreich ist auch, in Datenbanken aus dem Ausland zu recherchieren und verschiedene Recherchen zu kombinieren. Man sollte nicht sagen: ‚Ich arbeite nur noch datenjournalistisch‘, sondern auch mal einen IFG-Antrag* stellen oder eben mit einem Experten sprechen. Oder anders herum: Auch wenn man klassischer Reporter ist, sollte man öfter überlegen, ob es Daten gibt, die einem weiterhelfen. Man sollte vernetzter denken und die verschiedenen Möglichkeiten kombinieren. So arbeitet man viel effektiver, als wenn man nur eine Methode anwendet.

Für eine längere Recherche braucht man aber natürlich auch eine gute Bezahlung. An wen richtest du dich mit deinen Projekten?

Ich suche immer nach dem passenden Auftraggeber beziehungsweise Abnehmer für die einzelne Geschichte. Da haben ja die einzelnen Medien verschiedene Schwerpunkte, verschiedene Ressorts. Manche Zeitungen haben zum Beispiel kein Wissenschaftsressort, andere wie zum Beispiel der Tagesspiegel, haben eins. Oft ist es auch sinnvoll, bei Investigativressorts anzuklopfen, wenn man entsprechende Geschichten hat – vor allem in Hinblick auf das Honorar. Die Kollegen dort verstehen oft besser, wie viel Aufwand hinter so einer Geschichte steckt und haben höhere Budgets, weil sie selbst auch größere Geschichten recherchieren. Am Ende muss man die Arbeitszeit refinanzieren, die man in eine Geschichte steckt. Da ist es besser, man arbeitet für Magazine oder für die entsprechenden Investigativressorts.

Pferderennen (Foto: hhach)
Rennpferde beschäftigten Andreas Maisch in einer seiner letzten Recherchen (Foto: hhach)

Wie findest du deine Themen? Auf Rennpferde in Datenbanken – wie in einem deiner letzten Projekte – stößt man ja nicht einfach so.

Es hilft, Fragen zu stellen, wie etwas umgesetzt worden ist. Zum Beispiel kann man ein politisches Projekt kritisch hinterfragen und sich dann konkret die Maßnahmen anschauen. Manchmal liefern auch Studien Denkanstöße.
Bei der Geschichte mit den Rennpferden zum Beispiel hat unser Recherche-Team gewusst: Es gibt Sanktionen der EU gegen Russland und es war allgemein schwierig, genaue Informationen über die Umsetzung zu bekommen, weil die Behörden und auch die EU fast keine Informationen herausgeben. Das ist schon ein erster Hinweis darauf, dass es vielleicht nicht so erfolgreich ist und die Behörden darüber nicht groß sprechen wollen. Es wurde auch in anderen Medien nicht viel berichtet, was genau erreicht worden ist – auch ein Indiz dafür, dass noch nicht viel passiert ist.
Dann können wir uns anschauen, was gemacht wurde. Wurden die Sanktionen von den verschiedenen Behörden einheitlich umgesetzt? Mit dieser Grundfrage und mit der skeptischen These, dass es vermutlich nicht so effektiv war, haben wir dann recherchiert, von welchen Personen wirklich Vermögen eingefroren wurde und bekamen heraus, dass Rennpferde betroffen sind. Dann habe ich allein recherchiert, was mit den Rennpferden von Kadyrow passiert ist, an welchen Rennen sie teilgenommen haben. Da waren Datenbanken sehr hilfreich. Die sparen, wenn man die richtige Datenbank findet, auch Zeit, weil man sich da nicht lange mit Behörden herumstreiten muss.

Am Beispiel der Geschichte über die Rennpferde – wie lang hast du von der ersten Recherche bis zum fertigen Artikel gebraucht?

Das waren etwa dreieinhalb oder vier Arbeitstage.

Aber nicht jedes Thema und nicht jede Recherche hat das Potential zur Geschichte. Das klingt risikoreich.

Bei der Kadyrow-Geschichte war eigentlich relativ schnell klar, dass es die Rennpferde gibt und dass sie in Deutschland an Wettrennen teilgenommen haben. Mit dieser kurzen Vorrecherche weiß man eigentlich schon, dass es ein spannendes Thema ist und dass es sich lohnt, es zu vertiefen. Wenn es für Deutschland keine Treffer gegeben hätte, hätte man trotzdem noch in ausländischen Datenbanken recherchieren können. Die sind oft hilfreich, da sie andere Daten oder andere Fehler haben, die man als Rechercheur ausnutzen kann. Aber spätestens, wenn auch dort keine Treffer gewesen wären, hätte man die Geschichte begraben können, hätte bis dahin aber nicht viel Zeit investiert – wahrscheinlich nur wenige Stunden.

Ob ein Thema etwas hergibt, kann man mit den richtigen Datenbanken schon in wenigen Stunden heraus finden (Foto: Republica)
Ob ein Thema etwas hergibt, kann man mit den richtigen Datenbanken schon in wenigen Stunden heraus finden (Foto: Republica)

Das heißt, es ist wirklich auch als junger, freier Journalist machbar, investigativ und datenjournalistisch zu arbeiten.

Gut ist, wenn man ein Auftragsnetz hat und zum Beispiel noch andere Aufträge wie zum Beispiel das Erstellen eines Branchen-Newsletter hat. So hat man ein regelmäßiges Einkommen und kann dann zusätzlich längere Geschichten schreiben, die man ja auch nicht am Stück recherchieren muss. Wenn man dann innerhalb der ersten Tage feststellt, dass das Thema zu komplex ist und mehr Zeit braucht, dass man die Arbeit daran nicht refinanzieren kann, schreibt man den Arbeitsstand auf und kann sich zum Beispiel auf ein Recherchestipendium bei einer NGO wie Netzwerk Recherche oder bei einer Stiftung bewerben.

Größere Recherchen sind also letzten Endes doch als freier Journalist schwierig.

Man sollte, wenn man wirklich eine sehr umfangreiche Recherche hat, entweder schon einen Auftraggeber haben und dann natürlich auch schon mal das Honorar vorbesprechen. Oder man bewirbt sich um ein Stipendium. Was man natürlich auch immer probieren kann, ist, für ein Projekt zu einer Redaktion zu gehen und ihr das Thema anzubieten, um es gemeinsam zu realisieren. Viele investigative Geschichten lassen sich aber innerhalb weniger Tage recherchieren, das hängt stark vom Thema ab.

Hast du sonst noch Tipps für Journalist*innen, die sich für investigativen oder Datenjournalismus interessieren?

Ich finde, manchmal ist im Datenjournalismus die Tendenz dazu da, Datenmalerei zu betreiben und schöne Grafiken zu erstellen – was ja auch seine Berechtigung hat. Aber was ich mir manchmal noch mehr wünschen würde, sind Datenprojekte, die etwas hinterfragen und vor allem die Geschichten zeigen, die hinter den Zahlen stecken.

Graben nach Daten - viele Informationen sind öffentlich zugänglich Foto: WolfBlur
Graben nach Daten – viele Informationen sind öffentlich zugänglich (Foto: WolfBlur)

Um zu finden, was hinter den Zahlen steckt, muss man ja erstmal die Zahlen oder Daten selbst finden. Aber es sind ja wirklich viel mehr Informationen allen zugänglich, als wir oft denken.

Genau, gerade TED [Tenders Electronic Daily – offenes Datenportal der EU] ist eine große Datenbank mit vielen Ausschreibungen. Oder Förderkataloge – zum Beispiel der Förderkatalog des Bundes, wo man sieht, welches Unternehmen Fördermittel vom Bund erhalten hat. In solchen Datenbanken könnte man zum Beispiel auch als Kulturjournalist schauen, welche Organisationen Gelder bekommen haben.
Wenn jeder Journalist nachdenkt, welche möglichen Datenbanken und Daten es in seinem Bereich gibt, dann kommt man sehr viel weiter und kann viele spannende Geschichten herausfinden. ///

Interview: Lea Albrecht

* IFG = Informationsfreiheitsgesetz. Das Informationsfreiheitsgesetz ermöglicht es, durch einen Antrag an die entsprechende Behörde amtliche Akten einzusehen. Für diese Behördeninformationen werden allerdings teilweise Gebühren erhoben. Einen IFG- Musterantrag gibt es zum Beispiel hier: http://www.dgif.de/index.php?id=63 .

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Und hier noch ein paar Link-Tipps zur Recherche von Andreas Maisch:

Watchthatpage: eine Website, die über jede Änderung auf einer selbst ausgewählten Website informiert, zum Beispiel per E-Mail. Bis zu zehn Seiten pro Tag oder 70 Seiten pro Woche lassen sich kostenlos überwachen.
( http://www.watchthatpage.com/ )

TED: Tenders Electronic Daily – das offene Ausschreibungsportal der EU. Hier finden sich Ausschreibungen aus der EU und benachbarten Ländern.
( http://data.europa.eu/euodp/en/data/dataset/ted-1 )

Eurostat: das Statistische Amt der Europäischen Union. Es bietet europäische Statistiken.
( http://ec.europa.eu/eurostat )

Förderkatalog des Bundes: eine Datenbank mit abgeschlossenen und laufenden Projekten, die Fördermittel des Bundes erhalten.
( http://foerderportal.bund.de/foekat/jsp/StartAction.do )

Viele Wege - Aus öffentlichen Daten können neue Geschichten hervor gehen (Foto: 1447441)
Viele Wege – Aus öffentlichen Daten können neue Geschichten hervor gehen (Foto: 1447441)

 

 

 

1 Comment

  1. Man kann nur hoffen, dass Herr Maisch inzwischen sorgfältiger als in der Vergangenheit arbeitet. Als ich ihn auf deutliche Fehler in einem 2016 bei Zeit Online erschienenen Artikel zu Asylentscheiden in Europa hinwies, verwies Herr Maisch sehr schnell darauf, dass er „die Zahlen korrekt aus der offiziellen Eurostat-Statistik entnommen“ habe – ungeachtet des Umstands, dass, wenn schon nicht auf den ersten, dann aber sicher auf den zweiten Blick auffallen musste, dass die Zahlen so nicht korrekt sein konnten. Womit er seiner Meinung nach offenbar schon mal aus der Verantwortung entlassen war, die Güte der verwendeten Daten auch zu überprüfen. Geht so Datenjournalismus?

    Wobei in diesem Fall auch das Vorgehen von Zeit Online sehr vielsagend war: Erst nach mehrfachen Hinweisen über verschiedene Kanäle und monatelangem Ignorieren wurde dann einfach ohne Hinweis die Grafik entfernt, eine Richtigstellung im Artikel fehlt bis heute (und ist wohl auch nicht mehr zu erwarten).

    Der besagte Artikel bei Zeit Online:
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-04/fluechtlinge-anerkennung-unterschiede-europa/komplettansicht

    Die mittlerweile gelöschte Tabelle „Prozentualer Anteil der positiven Asylbescheide für Menschen aus den aufgeführten Herkunftsländern im Jahr 2015“ mit den falschen Zahlen. Insbesondere ist eine durchgehend 100%ige Anerkennungsquote für Asyl in Österreich angegeben, und das bei allen angeführten Herkunftsländern. In Wirklichkeit lag die Anerkennungsquote weit niedriger (Afghanistan 30%, Iran 57%, Pakistan 2%, Irak 24%). Selbst Syrien erreichte nur eine Quote von 84% (Quelle: Österreichisches BMI):
    https://imgur.com/a/9xbkg

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